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FRAZ 2001/1

Dagmar Hoeltzel

Eine Perle

In Bosnien nach dem Krieg

Hauptthema

In einem Gespräch erzählt Aida Daidzic vom Transormationsprozess in Bosnien-Herzegowina und von einer von ihr mitbegründeten Gruppe, die Frauen das Rüstzeug für ihre neuen Rollen gibt.

Der Bosnien-Krieg ist seit mehr als fünf Jahren vorüber, offiziell beendet durch den Friedensvertrag von Dayton. Der materielle Wiederaufbau, unterstützt von der internationalen Gemeinschaft, schreitet voran. Im Zentrum der Hauptstadt Sarajevo sind kaum mehr Spuren des Krieges und der Belagerung zu sehen. Doch die Schrecken der Kriegsgeschehnisse sind in die Gesichter der Menschen eingeschrieben. Die Kriegstaktik der Serben zielte weniger auf eine flächendeckende Zerstörung der Städte und Dörfer, als vielmehr auf eine Zerstörung der sozialen Struktur und Kultur, der Familien und auf Vertreibungen. Der Krieg dauerte gut dreieinhalb Jahre und unzählige Morde, Vergewaltigungen, Verschleppungen, Demütigungen, Entwürdigungen und Ängste lang.

Strategie gegen das Chaos

Aida Daidzic hat ein perlendes Lachen. Allmählich hat sie ihre alte Fröhlichkeit wieder gefunden. Und die ist ebenso ansteckend wie ihre Energie. Aida stammt aus Sarajevo, wo se jetzt auch wieder lebt. 1988 ging sie nach Deutschland, weil sie ein Stipendium als Architektin hatte. Der Kriegsausbruch im Frühjahr 1992 überraschte und schockte sie. Per Telefon versuchte sie den Kontakt zur Familie und zu Freundinnen zu halten. Im Sommer 92 fuhr sie nach Kroatien, da sie der Heimat so nah wie möglich sein wollte. In Zagreb herrschte ein grosses Chaos: unzählige bosnische Flüchtlinge, viele von ihnen Frauen. Keiner wusste wohin, alle waren buchstäblich auf der Strasse, die ersten Berichte über Massenvergewaltigungen erschienen. Gemeinsam mit anderen Frauen beschloss Aida eine Initiative zu gründen. Denn sie wussten, dass sie eigene Strategien entwickeln mussten, um der Situation zu begegnen. Se nannten sich “Biser”: Perle -bosnischer Schmuck und Symbol für Träne. Aida findet den Namen romantisch. Er wäre ihr mit ihrem eher naturwissenschaftlichen Denken nicht eingefallen. Dafür aber die Sache mit den Karteikarten. Als die Frauen die Gruppe gründeten, wussten sie um die Notwendigkeit etwas zu tun, aber nicht genau was. Also gingen se zuerst in die Flüchtlingscamps und nahmen alle möglichen Daten auf. Sie schrieben auf Karteikarten, was benötigt wurde. Und als die ersten Hilfslieferungen kamen, konnten sie sagen: “Wir brauchen soundsovielte Pullover Grosse 38, soundsovielte Schuhe Grosse 39. Wir brauchen für soundsovielte Leute Ofen und Kohle.“ Dadurch war “Biser” sehr effizient; ganz im Gegensatz zu den anderen Hilfsorganisationen, die das erst viel später machten.

Viele Frauen waren einfach irgendwo untergebracht. Sie brauchten so etwas wie ein Wohnzimmer, einen Ort, wo sie Zeitungen kriegen, wo sie Kaffee trinken und Informationen austauschen konnten. Schliesslich gründete “Biser” dann in zwei Zimmern in Zagreb das erste Zentrum. Es war auch eine in Psychotherapie erfahrene Arztin dort, welche die am stärksten traumatisierten Frauen auffangen konnte. Doch die Frauen kamen nicht - wie schwer ist es, zu reden, wenn der Schmerz so gross und das Grauen noch so nah ist. Also wurden ein Nähkurs und ein Kindergarten eingerichtet. Und die Frauen kamen, und mit dem Nahen kam das Reden. Aida erzählt von der ersten Frau, die Arbeit fand, nachdem sie bei „Biser“ das Nahen erlernt hatte: Sie wurde mehrfach vergewaltigt und zunächst wollte ihr Kopf nichts aufnehmen. Es dauerte drei Kurse, bis sie es schaffte, einen Rock zu nahen. Für sie war das so etwas wie eine Therapie. Als die Frau eine Arbeitsstelle fand, weinte Aida. Den ganzen Krieg hindurch hatte sie nicht geweint, se hatte sich das verboten, aber jetzt kamen ihr die Tränen. Und sie kommen ihr noch heute, wenn se an diesen ersten kleinen Erfolg denkt. Es wurde Aida klar, dass die Frauen wieder integriert werden mussten, dass sie das Gefühl brauchten, nützlich zu sein, dank Arbeit und sozialer Gebundenheit. Nur so konnten die Schrecken der Geschehnisse überwunden werden.

Ausbildung

„Biser“ gründete 1995/96 zwei Zentren in Bosnien, in Tuzla und Travnik. Diese hatten viel mehr den Charakter von Ausbildungszenum meint Aida, denn heute sind es meist Frauen, welche die Familien ernähren müssen. In den Zentren erhalten sie Fachkenntnisse, die ihnen einen Berufseinstieg ermöglichen. Inn Zentrum in Travnik gibt es zum Beispiel ein Programm zur Ausbildung als Sekretärin. Auch Frauen mit einer einfachen Schulausbildung können sich so Kompetenzen aneignen, die ihnen bei einer Bewerbung helfen. Wenn eine Frau eine Stellung als Sekreten hat, ist das bereits eine Lebensgrundlage für sie und ihre Kinder. Ein wenig stolz ist Aida, dass den Frauen, die eines der „Biser“-Zentren besucht halben, sei es als Kursteilnehmerin oder zu Vortragen und Gesprächen, ganz klar ist, dass ihre Tochter, die neue Generation bosnischer Frauen, Ausbildung brauchen. Nicht nur um sich um Haus und Familie zu kümmern, sondern um ihre eigene soziale Existenz zu sichern und in der Gesellschaft kreativ und produktiv zu sein. Oft fragt Aida sich, was wäre, wenn es „Biser“ nicht geben würde. Sie denkt, dass diese Entwicklungen sowieso stattfinden würden, weil das Leben sie erzwingt. Nur wäre der Weg für die Frauen, die keine Unterstützung bekommen, viel schwieriger. Die Frauen wunden das zwar überleben, aber die Frage ist wie. Auf jeden Fall wird in Bosnien ein Wandel stattfinden, es bleibt die Frage, ob in 10, 20 oder in 50 Jahren.

Nach dem Krieg ist alles anders und doch ändern sich die Strukturen nicht so schnell. Der Anteil der Frauen an der Bevölkerung beträgt derzeit etwa 60 Prozent. Aber viele gut Ausgebildete sind ausgewandert. „Wenn man qualifizierte Arbeitskräfte sucht, findet man niemandem>, sagt Aida. Und das offenbart eine andere starke Disproportion: wenige ausgebildete Frauen stehen gegenüber vielen nicht ausgebildeten. Damit sind jene gemeint, die in Bezug auf Wertesystem und Art der Arbeit bislang in einer Welt gelebt halben wie vor 200 Jahren.

Sie befinden sich jetzt in einer völlig neuen Situation. Meist sind sie Flüchtlinge, ohne Haus, ohne Familie, ohne Männer. Ihre Rolle ist in einem völligen Umbruch. Doch stark patriarchalisch geprägte Strukturen wie in Bosnien ändern sich nicht so schnell, nur weil die Männer nicht mehr da sind. Denn eine solche Struktur wird auch von den Frauen getragen. Das hat Aida oft beobachtet: „Die Männer sind nicht mehr da, aber die Frau denkt nicht, dass sie als Fraueine neue Rolle übernehmen muss sondern sie denkt: <Ich muss jetzt Mann sein>. Statt mit den Kindern umzugehen wie bisher, will sie nun die autoritäre patriarchalische Rolle übernehmen und verliert den Kontakt mit sich selber und mit den Kindern und gibt die Traumata direkt weiter an die nächste Generation. Sie verliert ihre Weichheit, ihre Zärtlichkeit, ihre Rolle, als diejenige, welche die Familie zusammenhält. Sie besinnt sich nicht auf das, was sie kann, was ihre Stärken sind oder überlegt, womit sie Geld verdienen kann. Sie sieht nur: was der Mann konnte, kann sie nicht. Dass sie Potential hat, das auch zur wirtschaftlichen Wiederbelebung beitragen könnte, kommt ihr gar nicht in den Sinn. Es gibt kaum jemanden, der ihr das sagt, und es gibt keine sichtbaren Beispiele. Dabei ist beispielsweise Bedarf an Kinderbetreuung, Putzdienst, Kochservice und besonders an Pflegediensten, denn es gibt viele Alte und Invalide. Wenn der Staat sagen würde, <OK., wir haben ein bisschen Geld, wir geben den Frauen Ausbildung und die arbeiten dann in der Pflege und kriegen ein kleines Gehalt>, das wäre gut. Denn es geht darum, Strategien und Strukturen zu entwickeln. Doch der Staat verteilt lieber Sozialhilfe, auch wenn sie sich nicht reproduziert, und das ist nie genug für irgendjemanden. Das ist sinnlos, man kann da nicht tatenlos zusehen“, sagt Aida.

Kollektives Trauma

Der Zustand der Gesellschaft ist komplex und vielschichtig. Alle sind traumatisiert, nicht nur diejenigen, die vergewaltigt wurden oder die in Konzentrationslagern waren. Auch jene, die draussen waren, wie Aida: „Man telefoniert mit seiner Familie, legt den Hörer auf und weiss nicht, ob nicht gerade in dieser Minute eine Granate einschlägt. Es wird zwar viel gearbeitet im Rahmen von Psychologie und Therapie, doch die sind ausgelegt auf individuelle Arbeit. Viele werden sterben, bevor sie überhaupt je mit einem Psychologen oder einer Psychologin gesprochen haben. „

Aber auch in der Politik müsste eine Art der Verarbeitung, der Aufarbeitung geschehen. Und hier liegt die wahre Verantwortung. Aida meint, dass nicht nur in den politischen Institutionen oder der Staatspolitik etwas geschehen müsse, sondern im politischen Bewusstsein einer Bürgergesellschaft. Sie glaubt, dass der ganze Planet bald kollabiert und sieht den einzigen Ausweg in einer zivilen Gesellschaft. In einer Gesellschaft, in der jede Einzelne eine politische Verantwortung hat, nicht nur jede für sich. Der Politik spricht Aida diese Verantwortung ab: "Bosnien ist wie das Gewissen der Weit, deshalb bemühen sich alle, dass es schnell zu einer Tagesordnung kommt. Es gibt Geld für die einfachsten Lösungen: zum Häuser verputzen und Fensterscheiben wieder einsetzen. Dann sieht man nichts mehr vom Krieg und die Welt kann sagen, <so jetzt seid ihr selber verantwortlich für eure Gesellschaft>. Und du stehst da und sagst, <hey, Moment mal, was ist mit Radovan Karadzic, was ist mit den Kriegsverbrechern? Was ist mit den ganzen zerstörten Industrien?>

„Gerechtigkeit hat dir keiner versprochen“

Gerade heute Morgen hat Aida wieder über Gerechtigkeit nachgedacht und wie so oft zu sich selber gesagt: „Gerechtigkeit hat dir keiner versprochen. Und: Eine Gesellschaft von Menschen kann nur auf dem Prinzip der Gerechtigkeit basieren. Die muss gewährleistet sein. Es ist der einzige Weg, wie Menschen zusammen leben können. “ Und besonders Frauen erkennen das. „Für den Heilungsprozess der Gesellschaft ist es unerlässlich, wenn nur ein serbischer Politiker sagen würde:“Es tut mir leid und ich leide unter dem, was ich getan habe. „Und ja, es würde sehr helfen, wenn Karadzic oder Milosevic sich endlich vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag verantworten müssten. Aber dass sie fünf Jahre nach dem Krieg noch immer nicht dort stehen, zeigt deutlich die geringe Macht, die so eine Institution hat.

Dass „Biser“ gemeinsam mit zwölf Frauen und einer weiteren Opfer Organisation gegen Radovan Karadzic einen Prozess in New York führte, war Heilung pur, sagt Aida. Unterstützung erhielten sie von einem Frauen Netzwerk von Anwältinnen. 1992/93 trat Karadzic vor der UN in New York auf. Da dachten sich die Frauen, „dann kriegen wir ihn eben in den USA, dort gibt es auch ein Gesetz gegen Völkermord“. Karadzic wurde in sechs Punkten angeklagt: Folter, Vergewaltigung, erzwungene Prostitution, erzwungene Schwangerschaft, ausergerichtliche Tötungen und Hinrichtungen, Völkermord. Im vergangenen Sommer wurde er in allen sechs Punkten für schuldig befunden. Insgesamt muss er 745 Millionen US Dollar bezahlen. Mit dem Anteil, den „Biser“ bekäme, wäre die Zu kunft der Zentren gesichert und neue könnten gegründet werden. Aber es ist eine andere Sache, auch noch um das Geld zu kämpfen. Schon der Prozess allein war von grösster Bedeutung.

Dagmar Hoetzel lebt in Berlin, studierte Architektur und arbeitet als freie Architektin und freie Journalistin.

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